Nach dem Unimed-Hack: Wie sicher ist die Klinik, wenn der Zulieferer fällt?
Der Angriff auf den Abrechnungsdienstleister Unimed hat gezeigt, wie verwundbar Krankenhäuser über ihre Zulieferer sind. Vom Angriffsweg über die kriminelle Verwertung der erbeuteten Daten bis zur lückenhaften NIS-2-Umsetzung in deutschen Kliniken – eine Bestandsaufnahme der Lieferketten-Sicherheit im Gesundheitswesen.

Beim Abrechnungsdienstleister Unimed erbeuteten Angreifer Anfang 2025 Daten von zehntausenden Patienten – die IT-Systeme der betroffenen Krankenhäuser blieben dabei unangetastet. Der Vorfall macht ein typisches Muster von Supply-Chain-Angriffen sichtbar: Sie zielen nicht auf die Systeme unter direkter Kontrolle der Klinik, sondern auf die Schnittstellen zu deren Dienstleistern. Der Sicherheitsanbieter Check Point ordnet den Fall als Teil einer wachsenden Serie solcher Angriffe ein.
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens hat dazu geführt, dass Abrechnung, IT-Betrieb, Plattformservices und Medizintechnik zunehmend an spezialisierte Anbieter ausgelagert werden. Das steigert die Effizienz, bündelt aber kritische Funktionen bei wenigen Akteuren. Fällt einer dieser Dienstleister aus, sind potenziell Dutzende Häuser gleichzeitig betroffen.
Erschwerend kommt hinzu, dass solche Angriffe laut Check Point auf Belegschaften treffen, die durch Reformen verunsichert sind, unter täglichem Stress arbeiten und darauf angewiesen sind, dass ihre IT rund um die Uhr funktioniert.
Nach dem ENISA-Report zur Supply Chain Security verzeichneten 62 Prozent der Unternehmen im vergangenen Jahr mindestens eine Kompromittierung durch Dienstleister oder andere Dritte.
Abbildung 1: Die kriminelle Angriffskette gegen das Gesundheitswesen

Stillstand bei der Abrechnung
Die Folgen von Supply-Chain-Angriffen beschränken sich nicht auf technische Ausfälle. Selbst wenn klinische Systeme weiterlaufen, geraten zentrale Verwaltungsprozesse unter Druck. Wird ein Dienstleister vom Netz getrennt oder die Datenübertragung unterbrochen, stocken Abrechnungen, fehlen Nachweise, verschieben sich Erlöse. In vergleichbaren Fällen standen in einigen Häusern wesentliche Teile der Abrechnung zeitweise still.
Für IT-Dienstleister und Hersteller werde es angesichts der Vielzahl von Angriffspunkten immer schwieriger, Lücken zu schließen, sagen Lothar Geuenich und Stefan Maith von Check Point. Zu viel Code werde zu wenig geprüft, zu viele Konfigurationen erforderten permanente Aufmerksamkeit – während der Preisdruck gleichzeitig dafür sorge, dass alles schneller und günstiger bereitstehen müsse.
Alle Organisationen agierten inzwischen in einem Geflecht aus Lieferanten, APIs und Integrationen, in dem ein einziger anfälliger Zulieferer eine weitreichende Kompromittierung auslösen könne.
Extern blind
Ein zentrales Problem liegt zudem in der bisherigen Sicherheitslogik vieler Kliniken. Während interne Systeme konsequent gehärtet und überwacht werden, bleiben externe Abhängigkeiten häufig intransparent. Sicherheitsanforderungen sind zwar vertraglich geregelt, werden im laufenden Betrieb aber selten systematisch überprüft.
Gleichzeitig wachsen die Abhängigkeiten weiter. Daten, Prozesse und Anwendungen verteilen sich über ein Netzwerk von Partnern, ohne dass Verantwortung und Kontrolle im gleichen Maße mitwachsen.
Für Krankenhäuser reicht es daher nicht, nur die eigene IT zu härten. Sie müssen auch nachvollziehen können, welche Rechte, Datenzugriffe und Schnittstellen externe Dienstleister besitzen. Angriffe auf die Lieferkette nutzten gezielt die Vertrauensbeziehungen zwischen Organisationen aus, betonen Geuenich und Maith.
Kompromittierte Code-Bibliotheken, API-Token und Cloud-Anmeldedaten könnten sich schneller durch Ökosysteme ausbreiten, als die Vorfälle zurückverfolgt werden könnten.
Was mit den Daten geschieht, die über Dienstleister abfließen
Der Unimed-Vorfall wirft eine Folgefrage auf: Was passiert mit Gesundheitsdaten, die über kompromittierte Zulieferer in kriminelle Hände gelangen? Eine aktuelle Untersuchung von Trend Micro liefert darauf eine Antwort.
Über zwölf Monate werteten die Forscher nach eigenen Angaben rund 7.800 Beiträge in Untergrundforen, circa 22.000 Marktplatz-Inserate und 95 Ransomware-Leak-Sites mit Bezug zum Gesundheitswesen aus. Das Ergebnis: Rund um gestohlene Patientendaten hat sich eine arbeitsteilige kriminelle Wirtschaft entwickelt, an der Ransomware-Gruppen, Zugangshändler und Betrugsmarktplätze gleichermaßen beteiligt sind.
Anders als eine Kreditkarte ließen sich Diagnosen, Behandlungshistorien oder biometrische Daten nicht sperren und neu ausstellen, erklärt Senior Threat Researcher Mayra Rosario von TrendAI. Genau das mache sie für Angreifer dauerhaft verwertbar.
Auf den Marktplätzen würden die Daten zunehmend als Grundlage für Identitätsdiebstahl, Versicherungsbetrug, gefälschte Atteste und Rezepte sowie für die Übernahme von Patienten- und Mitarbeiterkonten gehandelt. Einmal gestohlene Datensätze ließen sich so über Jahre mehrfach monetarisieren.
Als zentralen Treiber dieser Schattenwirtschaft benennt die Studie Ransomware. Datenverkäufe aus solchen Vorfällen machten 36,3 Prozent der gesamten Marktplatzaktivität aus. Die Täter kombinierten dabei zunehmend Verschlüsselung mit Datendiebstahl und Erpressung und nähmen verstärkt Anbieter elektronischer Gesundheitsakten ins Visier. Ein einziger erfolgreicher Angriff könne dann hunderte nachgelagerte Einrichtungen treffen.
Eine wachsende Rolle spielen dem Bericht zufolge zudem sogenannte Initial Access Broker. Diese Akteure verschaffen sich Zugang zu Netzwerken von Kliniken und Gesundheitsdienstleistern und verkaufen ihn an Ransomware-Gruppen oder andere Kriminelle weiter. Gerade Dienstleister mit Zugang zu vielen Kliniken sind für diese Zugangshändler besonders attraktiv, weil ein einziger kompromittierter Zulieferer den Weg in Dutzende Einrichtungen öffnet.
Diese Arbeitsteilung senke die Einstiegshürden für Angreifer erheblich, so Trend Micro. Aktuelle Vorfälle auch in Deutschland zeigten, wie stark Patientendaten im Fokus stünden, meint Dirk Arendt, bei Trend Micro zuständig für den Bereich Healthcare in der DACH-Region.
Offene Flanken jenseits der Abrechnung: Ungeschützte Bildgebungssysteme
Die Lieferkette endet jedoch nicht bei Abrechnungsdienstleistern. Auch medizintechnische Infrastruktur, die Kliniken mit externen Partnern verbindet, ist exponiert. In einer separaten Untersuchung fanden die Trend-Micro-Forscher weltweit 3.627 öffentlich erreichbare Digital-Imaging-and-Communications-in-Medicine(-DICOM)-Server in mehr als 100 Ländern.
DICOM ist der zentrale Standard für den Austausch medizinischer Bilddaten wie MRT-, CT- oder Röntgenaufnahmen – und damit eine Schnittstelle, über die Kliniken, Radiologiepraxen und externe Befundungsdienste vernetzt sind. Deutschland belegt mit 138 exponierten Servern Rang fünf im weltweiten Vergleich.
Kritisch ist aus Sicht von Trend Micro vor allem, dass vorhandene Schutzmechanismen kaum genutzt werden. Nur 0,14 Prozent der gefundenen Systeme setzten die vorgesehene TLS-Verschlüsselung ein, während 99,56 Prozent Verbindungen ohne wirksame Authentifizierungsprüfung akzeptierten.
Angreifer könnten dadurch Patientendaten ausspähen, Bilddaten manipulieren, Schadsoftware einschleusen oder sich lateral in Krankenhausnetzwerken bewegen. Diese Server stehen damit stellvertretend für eine ganze Kategorie von Schwachstellen. Es sind Schnittstellen, die Kliniken nicht allein betreiben, deren Verwundbarkeit sie aber unmittelbar trifft.
Was NIS-2 fordert – und welche Maßnahmen jetzt greifen sollen
Die EU-Richtlinie NIS-2 hat das Lieferketten-Risiko regulatorisch aufgegriffen und verlangt ausdrücklich ein strukturiertes Management externer Abhängigkeiten. Krankenhäuser müssen ihre Dienstleister nicht nur kennen, sie müssen deren Kritikalität bewerten, Sicherheitsanforderungen definieren und deren Einhaltung nachweisbar überprüfen. Dazu gehören klare vertragliche Regelungen zu Sicherheitsmaßnahmen, Meldepflichten bei Vorfällen, Reaktionszeiten sowie Audit- und Nachweispflichten.
In der Praxis ergeben sich daraus drei Handlungsfelder. Kliniken benötigen Transparenz darüber, welche Dienstleister geschäftskritisch sind, welche Daten sie verarbeiten und welche Prozesse von ihnen abhängen. Zudem müssen Sicherheitsanforderungen im laufenden Betrieb verbindlich sein – festgehalten nicht allein im Vertrag, sondern belegt durch regelmäßige Nachweise, Prüfungen und abgestimmte Notfallprozesse.
Und schließlich gehören Lieferketten in das eigene Krisen- und Notfallmanagement. Im Ernstfall reicht es nicht zu wissen, dass ein Partner betroffen ist – entscheidend ist, wie schnell Informationen fließen und wie der Betrieb aufrechterhalten werden kann.
Geuenich und Maith von Check Point nennen vier konkrete Maßnahmen:
- das Least-Privilege-Prinzip konsequent durchsetzen, um übermäßige Zugriffsrechte für Mitarbeiter, Partner und Drittsoftware zu reduzieren;
- Netzwerke segmentieren, damit bei einer Kompromittierung eines Segments der Rest – besonders personenbezogene Daten – geschützt bleibt;
- DevSecOps-Praktiken einführen, um Sicherheitsprüfungen von Beginn an in den Entwicklungslebenszyklus zu integrieren; sowie
- das Security-Operations-Center-(SOC)-Monitoring auf alle Umgebungen einschließlich Endgeräten, Netzwerk, Cloud und Mobilgeräten ausweiten.
Auch Check Point räumt ein, dass eine konsequente NIS-2-Umsetzung den Unimed-Vorfall nicht zwingend verhindert hätte. Doch mit einem ausgereiften Third-Party-Risk-Management wäre die Angriffsfläche kleiner, die Erkennung früher und die Reaktion koordinierter gewesen.
Abbildung 2: Die Umsetzung von KRITIS- und NIS-2-Anforderungen variiert: Fachkliniken liegen mit 46,2 Prozent vorn, gefolgt von Allgemeinkrankenhäusern und Universitätskliniken.

Wie weit deutsche Kliniken tatsächlich sind
Was NIS-2 fordert, ist klar – wie weit die Krankenhäuser bei der Umsetzung sind, zeigt eine Umfrage des IT-Sicherheitsherstellers ESET unter Entscheidern im deutschen Gesundheitswesen, durchgeführt von der techconsult GmbH. Demnach haben rund 36 Prozent der befragten Kliniken in den vergangenen zwölf Monaten gezielt Maßnahmen zur Erfüllung von KRITIS- oder NIS-2-Anforderungen umgesetzt. Fachkliniken liegen mit 46 Prozent vorn, gefolgt von Allgemeinkrankenhäusern mit 38 Prozent. Universitätskliniken bilden mit 29 Prozent das Schlusslicht.
Am häufigsten nannten die Befragten operative Maßnahmen: 52 Prozent führten Notfall- oder Ransomware-Übungen durch, 48 Prozent setzten auf Schulungen und Awareness-Programme, und 41 Prozent investierten in die Absicherung medizinischer Geräte und vernetzter Medizintechnik (IoMT). Diese Maßnahmen blieben nach Einschätzung von ESET jedoch häufig projektbezogen – eine strategische Verankerung in Organisation und Management fehle vielfach. Gerade das von NIS-2 geforderte Lieferketten-Risikomanagement setzt jedoch genau diese strategische Ebene voraus.
Wer externe Abhängigkeiten systematisch steuern will, braucht mehr als einzelne Projekte. Positiv wertet der Hersteller, dass NIS-2 die IT-Sicherheit aus der IT-Abteilung heraushole und zu einem Thema der Leitungsebene mache.
Dass ausgerechnet Universitätskliniken bei der formalen NIS-2-Umsetzung zurückliegen, ist laut ESET insofern auffällig, als sie als Maximalversorger und international vernetzte Forschungsstandorte ein besonders attraktives Angriffsziel darstellen – und mit ihren komplexen Zulieferer-Netzwerken aus Forschungspartnern, Medizintechnikherstellern und IT-Dienstleistern eine entsprechend große Angriffsfläche bieten.
Operativ schneiden sie in der Umfrage allerdings besser ab und führen überdurchschnittlich oft Notfallübungen oder externe Security-Audits durch. Als möglichen Grund für den regulatorischen Rückstand nennt ESET die hohe Komplexität historisch gewachsener IT-Landschaften, internationaler Forschungsnetze und tausender vernetzter Medizinsysteme.
Ähnlich zwiespältig fällt das Bild beim Notfallmanagement aus. Fast alle befragten Krankenhäuser geben an, über Notfallpläne für schwere Vorfälle wie Ransomware zu verfügen. Doch nur rund jedes dritte Haus beschreibt diese Pläne als strukturiert und regelmäßig getestet. Bei den Universitätskliniken testen der Erhebung zufolge nur etwa 21 Prozent ihre Pläne regelmäßig – obwohl ein Vorfall dort von der Patientenversorgung über die Forschung bis zur Lehre weitreichende Folgen hätte.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die aktuell vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) angestoßene Initiative eines Sofortprogramms Cybersicherheit zusätzliche Bedeutung. Das Programm soll Krankenhäuser bei der Umsetzung der steigenden regulatorischen Anforderungen unterstützen und hierfür Fördermittel von insgesamt 1,8 Milliarden Euro bereitstellen.
Ziel ist es, Investitionen in IT-Sicherheit, Resilienz, moderne Sicherheitsarchitekturen sowie die Absicherung kritischer digitaler Versorgungsprozesse zu beschleunigen. Gerade für Einrichtungen, die bei der Umsetzung von NIS-2 noch Nachholbedarf haben, könnte das Programm einen wichtigen Impuls liefern, um notwendige organisatorische und technische Maßnahmen schneller umzusetzen.
Fazit
Ein kompromittierter Abrechnungsdienstleister reicht aus, um Dutzende Kliniken gleichzeitig zu treffen – ohne deren eigene Systeme anzutasten. Die abgeflossenen Daten zirkulieren danach jahrelang auf kriminellen Marktplätzen, weil sich Diagnosen und Behandlungshistorien anders als Kreditkartennummern nicht sperren lassen. Laut ESET bleiben viele Sicherheitsmaßnahmen projektbezogen; eine strategische Verankerung in Organisation und Management fehlt in vielen Fällen noch. Bei den externen Partnern und Schnittstellen bleibt die Kontrolle am geringsten – dort, wo das Risiko am größten ist.
Gleichzeitig zeigt das vom BMG initiierte Sofortprogramm Cybersicherheit, dass die Politik die Herausforderungen erkannt hat. Mit einem Fördervolumen von 1,8 Milliarden Euro soll Krankenhäusern die notwendige finanzielle Unterstützung für die Umsetzung von NIS-2-Anforderungen und den Aufbau widerstandsfähiger Sicherheitsstrukturen bereitgestellt werden.
Die Wirksamkeit dieser Investitionen wird jedoch davon abhängen, ob die Mittel nicht nur in einzelne Sicherheitsprojekte fließen, sondern zu einem nachhaltigen Risikomanagement führen, das die gesamte digitale Lieferkette einbezieht. Nur dann lässt sich die Verwundbarkeit des Gesundheitswesens gegenüber Supply-Chain-Angriffen langfristig reduzieren.

Christian Keweloh ist Berater bei UNITY.
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