Warum Identitätssysteme Voraussetzung für KI im Klinikumfeld sind: Vom sicheren Log-in zur intelligenten Visite
Kliniken sehen sich mit wachsenden Cyberbedrohungen, komplexen IT-Landschaften und einer hohen administrativen Last im Versorgungsalltag konfrontiert. Neue KI-Technologien versprechen dabei spürbare Entlastung – doch bevor sie in der spezifischen Krankenhausumgebung sinnvoll zum Einsatz kommen können, braucht es eine entscheidende Grundlage: durchgängig sichere, eindeutige digitale Identitäten.

Unsere Autorin erläutert, warum Identitätssicherheit zum klinischen Standard werden soll und welche Rolle darauf aufbauende KI-Lösungen im Versorgungsalltag spielen.
Kaum ein Sektor der kritischen Infrastruktur ist so stark bedroht wie das Gesundheitswesen. Kliniken verarbeiten hochsensible personenbezogene Daten, betreiben eine Vielzahl miteinander vernetzter Geräte und arbeiten unter hohem Zeitdruck – aus Angreifersicht sind das perfekte Bedingungen. Ransomware-Vorfälle, Systemausfälle und kompromittierte Zugänge führen im Ernstfall zu OP-Verschiebungen, gesperrten Notaufnahmen oder Datenverlust.
Viele dieser Attacken beginnen längst nicht mehr mit einem klassischen Angriff auf den Netzwerkperimeter, sondern bei einer häufig unterschätzten Schwachstelle: der digitalen Identität. Geteilte Accounts, Passwörter auf Zetteln, unklare Rollenmodelle oder gemeinsam genutzte Arbeitsplätze ohne eindeutige Authentifizierung zählen zu den häufigsten Risiken im klinischen Umfeld.
Die zunehmenden regulatorischen Anforderungen – von der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bis zur NIS-2-Richtlinie – verschärfen die Lage zusätzlich: So fordert etwa die DSGVO, dass Kliniken jede digitale Handlung nachweisbar einer konkreten Person zuordnen können. Identitätssicherheit ist damit kein optionales Add-on, sondern ein Grundpfeiler moderner Krankenhaus-IT.
Passwortlose Systeme sollen den Klinikalltag absichern
Klassische Passwortsysteme stoßen in hochdynamischen Arbeitsbereichen wie Notaufnahme, Intensivstation oder OP an ihre Grenzen. Sie gelten als langsam, fehleranfällig und bergen inhärente Sicherheitsrisiken. Viele aktuelle Identitätslösungen setzen deshalb auf starke, Phishing-resistente Verfahren, die ohne Passwörter auskommen und über Gerätegrenzen hinweg funktionieren.
Im Krankenhaus bedeutet das:
- eindeutige Identitäten für alle Mitarbeiter, ohne geteilte Log-ins;
- schnelle Authentifizierung mit einem zusätzlichen Faktor, auch an gemeinsam genutzten PCs oder Visitenwagen, die strengen Hygieneanforderungen entspricht;
- automatische Abmeldung, sobald die Person den Arbeitsplatz verlässt;
- rollenbasierte Zugriffe, nachvollziehbar und richtlinienkonform;
- Unterstützung heterogener Endgeräte, von PCs bis hin zu mobilen Arbeitsstationen.
Damit soll ein Sicherheitsniveau entstehen, das sich ohne Reibungsverluste in klinische Abläufe integrieren lässt. Gleichzeitig steigt so die Effizienz: Passwort-Resets entfallen, Audits werden einfacher, und der manuelle Pflegeaufwand für Administratoren sinkt.
Zero Trust: Kein Zugriff ohne aktive Prüfung
Mit der Etablierung sicherer Identitäten wird ein zweiter zentraler Baustein moderner Sicherheitsarchitekturen möglich: Zero Trust. Anders als klassische Sicherheitskonzepte vertraut Zero Trust keinem Zugriff automatisch. Jede Anmeldung wird aktiv geprüft, kontextualisiert und bei Bedarf eingeschränkt.
Für Krankenhäuser bedeutet das konkret: Sämtliche eingesetzten Geräte müssen definierte Sicherheitsstandards erfüllen, bevor das System einen Zugriff überhaupt gewährt.
Berechtigungen orientieren sich dabei nicht pauschal an einer allgemeinen Nutzerrolle, sondern berücksichtigen situative Faktoren wie den aktuellen Standort, den Nutzungszweck oder das ermittelte Risiko eines Vorgangs. Auch aktive Sitzungen bleiben nicht sich selbst überlassen: Das System überwacht sie kontinuierlich und beendet sie automatisch, sobald Unregelmäßigkeiten auftreten oder eine Sitzung zu lange inaktiv bleibt. Wird eine Anmeldung als potenziell kompromittiert erkannt, kann das System den Zugang automatisch blockieren.
Zero Trust ist kein abstraktes Konzept, sondern soll sich unmittelbar im Stations-, OP- oder Ambulanzbetrieb auswirken: Wer berechtigt ist, bekommt schnell Zugriff – wer es nicht ist, bleibt draußen. Das gilt unabhängig davon, ob ein Gerät am Arbeitsplatz frei zugänglich ist.
KI-gestützte Dokumentation benötigt ein sicheres Fundament
Sobald Identitätssicherheit und Zero-Trust-Grundlagen etabliert sind, entsteht eine technologische Basis, auf der sich klinische KI überhaupt erst sinnvoll betreiben lässt. Moderne KI-Assistenzsysteme können medizinisches Personal bei Dokumentation, Informationsaufbereitung und Kommunikation unterstützen.
KI-gestützte Lösungen stehen heute unter anderem für folgende Anwendungsgebiete bereit:
- sprachgesteuerte Erfassung und Diktation;
- automatische Zusammenfassung von Arzt‑Patient‑Gesprächen;
- Extraktion relevanter klinischer Informationen;
- strukturierte Erstellung von Notizen, Befunden und Übergaben;
- kontextbezogene Unterstützung während Visite, Notaufnahme oder Pflegeübergabe.
Damit lässt sich klinische Dokumentation parallel zur Interaktion mit Patientinnen und Patienten erledigen, statt im Nachgang unter Zeitdruck. Die Folge: mehr Präsenz im Gespräch, weniger Schreibaufwand und eine konsistentere Dokumentationsqualität.
Weniger Schreibaufwand, mehr Patientenkontakt
Mögliche KI-Effekte zeigen sich – je nach Implementierung – in unterschiedlichen Fachbereichen:
- Visite: Die Dokumentation kann bereits während des Patientengesprächs erfolgen, was den späteren Schreibaufwand verringern kann. Auch Nacharbeiten und Medienbrüche lassen sich unter Umständen reduzieren, wenn Informationen direkt erfasst werden. Eine KI-gestützte Strukturierung kann zudem dazu beitragen, Notizen vollständiger zu dokumentieren.
- Notaufnahme: In der Notaufnahme kann KI zur strukturierten Erfassung relevanter Daten eingesetzt werden. Entsprechend aufbereitete Notizen können Übergaben unterstützen und den Suchaufwand verringern – besonders in Teams, deren Zusammensetzung sich im Schichtbetrieb häufig ändert.
- In Ambulanz und Sprechstunde kann KI die Dokumentation im Hintergrund unterstützen. Berichte oder Briefe lassen sich automatisiert vorbereiten, was den Verwaltungsaufwand verringern kann.
- Pflege: In der Pflege kann die Technologie die Verlaufsdokumentation strukturieren und Übergabeinformationen automatisiert aufbereiten. Da Arbeitsgeräte häufig gemeinsam genutzt werden, gilt eine möglichst einfache und schnelle Bedienung hier als besonders relevant.
Der Weg in die Praxis
Die Einführung sicherer Identitäten und darauf aufbauender KI-Systeme ist weniger ein IT-Projekt als ein kultureller Wandel in der täglichen Arbeit. Erfolgreiche Kliniken setzen auf Pilotprojekte, um erste Erfahrungen zu sammeln, und auf Train-the-Trainer-Modelle, die für Akzeptanz in der Belegschaft sorgen.
Ebenso wichtig sind technisch saubere Identitäts- und Rollenmodelle, klare Prozesse für Ausnahme- und Notfallszenarien sowie ein kontinuierliches Monitoring von Nutzungs- und Qualitätskennzahlen. Daraus entsteht eine nachhaltige Digitalstrategie, die Sicherheit, Effizienz und klinische Abläufe miteinander verzahnt.
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen steht vor dem nächsten Schritt – und der erste ist zugleich der entscheidende: Der Aufbau sicherer Identitäten und einer Zero-Trust-Architektur bildet die zwingende Voraussetzung, um danach die administrative Last medizinischer Teams mithilfe von KI spürbar zu senken. Kliniken, die diesen Weg konsequent gehen, schaffen eine Umgebung, in der sowohl die Versorgungsqualität als auch die Mitarbeiterzufriedenheit messbar steigen.

Charlotte Olscha, M.Sc., Content Production & Socials bei der SITS.
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