Mehr Bedrohungen, weniger Personal, neue Werkzeuge: Security Operations unter Druck
Steigende Bedrohungslagen, zunehmender Personalmangel und komplexe IT-Landschaften setzen viele Security-Teams unter Druck. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) soll Abhilfe schaffen. Doch nur im Zusammenspiel mit standardisierten Prozessen und realistischen Erwartungen entstehen belastbare Ergebnisse.

Security Operations (SecOps) gelten als Taktgeber der digitalen Unternehmenssicherheit. Gleichzeitig stehen sie exemplarisch für den Druck, unter dem die Branche heute arbeitet. Die Angriffslage wird komplexer, die Infrastruktur verteilt sich auf Rechenzentren, Public-Cloud und Edge, während die Personaldecke dünn bleibt. In dieser Situation gelten Automatisierung und künstliche Intelligenz als Hebel, um Reaktionszeiten zu verkürzen, Fehlalarme einzuhegen und Entscheidungen datenbasiert zu treffen.
Laut Studien aus den Jahren 2024 und 2025 prägen drei Entwicklungen die Agenda in den Security Operations Centern (SOCs): Konsolidierung von Werkzeugen, KI-Einsatz in Verteidigung und Angriff sowie cloudzentrierte Betriebsmodelle. Die Wirksamkeit dieser Ansätze hängt allerdings vom Zusammenspiel aus Technologie, Standardisierung der Abläufe und realistischem Erwartungsmanagement ab.
Die Lage im SOC
In hybriden Umgebungen vervielfachen sich Sichtfelder und Meldewege. Sicherheitsereignisse entstehen in Identitätssystemen, Endpunkten, Cloud‑Control‑Planes, Software-as-a-Service-(SaaS)‑Applikationen und industriellen Netzen. Die Folge sind heterogene Daten und inkonsistente Arbeitsweisen zwischen Teams. Viele Führungskräfte reagieren darauf mit der Konsolidierung von Plattformen, um Daten schneller zusammenzuführen und den Betrieb überschaubar zu halten.
Analysen raten ausdrücklich dazu, zentrale Funktionen zu bündeln und Lücken gezielt mit Speziallösungen zu schließen, damit Organisationen anpassungsfähig bleiben und kein riskantes Abhängigkeitsverhältnis zu einzelnen Herstellern entsteht. Diese Position verbindet technologische und betriebswirtschaftliche Perspektiven, da Umstiegs‑ und Schulungskosten bei Wechseln realistisch zu kalkulieren sind.
KI: Beschleuniger mit Hausaufgaben
Ferner entsteht durch künstliche Intelligenz eine neue Dynamik im operativen Alltag. Sie wirkt sich im SOC auf drei Ebenen aus: Erstens priorisiert sie Vorfälle anhand historischer Muster, Kontextdaten und Angriffstaktiken. Zweitens strukturiert sie die Bearbeitung mit Vorschlägen für Untersuchung, Eindämmung und Wiederherstellung, inklusive automatischer Dokumentation. Drittens hilft sie, Wissenslücken zu schließen, indem sie Anreicherungen aus Threat Intelligence, Asset‑Kontext und Identitätsrisiken zusammenführt. Das spart Zeit, reduziert Kontextwechsel und entlastet besonders kleine Teams.
Gleichzeitig wandert KI als Angriffsvektor in die Bedrohungslandschaft. Generative Werkzeuge senken Einstiegshürden für Phishing‑Kampagnen, Social Engineering und das Zusammenspiel mehrstufiger Angriffe. Analysten empfehlen deshalb, Reaktionsverfahren zeitlich zu verdichten und die Automatisierungstiefe zu erhöhen, damit Verteidigungsschritte mit KI‑gestützten Angriffsgeschwindigkeiten Schritt halten können.
Von Cloud‑nativ bis API‑Sicherheit
Während KI die operative Effizienz steigert, verändert sich auch der technische Unterbau der Security Operations. Cloudnative SOC‑Services bieten Skalierbarkeit und ermöglichen den Betrieb über Standorte und Zeitzonen hinweg. Das ist eine große Hilfe bei Personalmangel. Parallel steigt die Relevanz von Security Orchestration, Automation and Response (SOAR), weil Playbooks Routinearbeiten übernehmen und die Fehleranfälligkeit senken. Zero‑Trust‑Prinzipien wandern aus Strategiepapieren in die Umsetzung, besonders mit Blick auf Identitäten, Gerätezustände und Zugriffsentscheidungen in Echtzeit.
Auch Anwendungsteams stehen vor neuen Aufgaben: Der anhaltende API‑Boom erhöht die Angriffsfläche. Entsprechend müssen Organisationen ihre Reifegrade in API‑Inventarisierung, Authentisierung, Ratenbegrenzung und Laufzeitüberwachung ausbauen.
Prognosen sehen zusätzlich den Umgang mit Prompt‑Injection‑Risiken in KI‑Schnittstellen sowie die Vorbereitung auf Post‑Quantum‑Kryptografie auf der Roadmap vieler Unternehmen. Diese Entwicklungslinien sind industrieübergreifend sichtbar und betreffen sowohl klassische IT als auch produktionsnahe Umgebungen.
Messbare Verbesserungen statt Heilsversprechen
Nach der strukturellen und technologischen Neuausrichtung stellt sich die Frage, wie sich deren Wirksamkeit belegen und dauerhaft steigern lässt. Entscheider erwarten von Investitionen in Security Operations nachweisbare Verbesserungen – etwa bei mittleren Erkennungs- und Reaktionszeiten, beim Anteil falsch positiver Meldungen und bei der Wiederherstellungsfähigkeit kritischer Dienste. Gleichzeitig wächst der Druck, Tool-Landschaften zu konsolidieren. Studienergebnisse aus dem Jahr 2025 zeigen eine hohe Dynamik in der Plattformvereinheitlichung und eine breite Nutzung KI-gestützter Sicherheitsfunktionen im Alltag.
Diese Entwicklungen sind kein Heilsversprechen, sondern ein Hinweis darauf, dass Organisationen messbare Fortschritte erzielen, wenn Governance, Prozesse und Technologie gemeinsam betrachtet werden. Besonders wirkungsvoll ist es, wenn Sicherheits-, IT- und Fachbereiche Konsolidierungsentscheidungen abgestimmt treffen und Qualifizierungsprogramme parallel zur Plattformstrategie laufen. Ohne kontinuierliches Upskilling bleibt der Produktivitätsgewinn neuer Werkzeuge begrenzt.
Vier Bausteine für robuste SOC-Betriebe
Damit Security Operations dauerhaft wirksam bleiben, braucht es jedoch mehr als Konsolidierung und Automatisierung.
Erstens ist Datenzugang entscheidend: Telemetrie aus Identität, Endpunkten, Netz, Cloud‑Protokollen und Geschäftsanwendungen muss zusammengeführt werden, damit Erkennung, Korrelation und forensische Nachvollziehbarkeit funktionieren.
Zweitens braucht es klare Verfahren. Standardisierte Playbooks für Triage, Eindämmung und Wiederherstellung verkürzen Einarbeitungszeiten und machen Ergebnisse reproduzierbar.
Drittens ist Kontext Pflicht. Asset‑Kritikalität, Compliance‑Verpflichtungen und Geschäftsprozesse beeinflussen Prioritäten erheblich, weshalb reine Alarmzahlen wenig aussagekräftig sind.
Viertens muss Automatisierung sicher eingeführt werden. Jede automatisierte Maßnahme erfordert testbare Freigabekriterien, Rollback‑Pläne und Transparenz darüber, wann ein Mensch die Kontrolle übernimmt. Diese vier Bausteine erhöhen die Robustheit von SOC‑Betrieben stärker als zusätzliche Einzellösungen.
Produktauswahl nach Wertschöpfungskette
Bei der Produktauswahl lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Wertschöpfungskette des SOC. Erfassungs‑ und Integrationsschicht, Analytik und Korrelation, Orchestrierung und Reaktion sowie Wissensmanagement sind die zentralen Leitplanken. Unternehmen fahren gut damit, Kernfunktionen auf einer Plattform zu konsolidieren und Spezialbedarfe wie industrielle Netzwerke, Hochsicherheitszonen oder branchenspezifische Compliance mit Zusatzlösungen abzudecken.
Ebenso wichtig ist die Migrationsfähigkeit. Wer heute konsolidiert, sollte Umstiegsszenarien und Exit‑Klauseln von Beginn an planen, damit technologische und vertragliche Pfade offenbleiben. Diese Vorgehensweise wird in strategischen Leitfäden für 2025 ausdrücklich empfohlen, um Flexibilität, Kostenkontrolle und Resilienz auszubalancieren.
Resilienz als Unternehmensziel
Technologie beschleunigt, löst aber nicht automatisch strukturelle Probleme. Deshalb gehört zu jeder technischen Transformation ein Lernpfad für Analystinnen und Analysten, ein Steuerungsmodell für Kennzahlen und ein klarer Auftrag an die Führung, Reaktionsfähigkeit als Unternehmensziel zu verankern.
Resilienz bedeutet in diesem Kontext, dass Unternehmen Störungen antizipieren, absorbieren, sich anpassen und schnell wiederherstellen können. Dieser Anspruch ist erreichbar, wenn das SOC nicht als isolierte Technikzelle agiert, sondern als Teil einer unternehmensweiten Betriebsstrategie. Branchenverbände ordnen diese Entwicklung als „Megatrend“ ein, der sich in den kommenden Jahren weiter verstärken dürfte.
Sicherheitsabteilungen brauchen heute mehr als zusätzliche Tools. Sie benötigen Datenzugang ohne Reibungsverluste, klar definierte Abläufe und Automatisierung, die nachvollziehbar und sicher greift. KI kann hier ein tragender Baustein sein. Sie priorisiert besser, strukturiert Reaktionen und dokumentiert fundiert. Die fachliche Verantwortung bleibt dennoch beim Menschen.
Organisationen, die technologische Innovation mit konsolidierten Plattformen, gezielter Weiterbildung und messbaren Zielen verbinden, erhöhen ihre Resilienz spürbar und bleiben auch in einer beschleunigten Bedrohungslage handlungsfähig.

Markus Limbach ist Partner Cyber Security & Resilience bei der KPMG AG. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Durchführung von Beratungsprojekten in den Bereichen Informationssicherheit, Business- und Technology Resilience, Risikomanagement sowie Identitäts- und Zugriffsmanagement.

Marvin Kroschel ist Manager Cyber Security & Resilience bei der KPMG AG. Er verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Cybersicherheitsberatung, mit einem Schwerpunkt auf Identity and Access Management und Cloud-Transformationsprojekte und ist zertifizierter Azure Solutions Architect.
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