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Datenschutz gegen Innovation? Europas Debatte greift zu kurz

Bremst die Datenschutz-Grundverordnung Europas digitale Wirtschaft – oder schafft sie Vertrauen und Wettbewerbsvorteile? Ein neues Policy Paper der Plattform Privatheit zeigt: Die einfache Formel „weniger Datenschutz gleich mehr Innovation“ hält einer genaueren Analyse nicht stand.

2 Min. Lesezeit
Datenschutz gegen Innovation?
Foto: ©AdobeStock/Dreamy-Pastel

Deutschland und Europa wollen in Künstlicher Intelligenz (KI), Datenökonomie und anderen strategischen Technologiefeldern wettbewerbsfähiger werden. Dabei gerät regelmäßig die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in die Kritik. Das Policy Paper „Innovation, Wettbewerb und Werteorientierung“ der vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (Fraunhofer ISI) koordinierten Plattform Privatheit untersucht, wie stark Regulierung Innovation tatsächlich beeinflusst.

Das zentrale Ergebnis fällt differenzierter aus als die politische Debatte: Die DSGVO ist weder pauschal Innovationsbremse noch automatisch Standortvorteil. Ihre Wirkung hängt unter anderem von Branche, Unternehmensgröße und Art der Innovation ab.

Kleine Unternehmen tragen besonders hohe Lasten

Vor allem kleine und junge Unternehmen müssen vergleichsweise hohe organisatorische und bürokratische Aufwände bewältigen. Größere Konzerne können Compliance-Kosten leichter verteilen und spezialisierte Strukturen aufbauen.

Michael Friedewald vom Fraunhofer ISI verweist zugleich auf den internationalen Einfluss europäischer Regeln: Der „Brüssel-Effekt“ sorge dafür, dass europäische Datenschutzstandards weltweit als Referenz dienen. Die zusätzlichen Aufwände träfen jedoch besonders mittelständische Unternehmen mit begrenzteren Ressourcen.

Der wirtschaftliche Erfolg datengetriebener Geschäftsmodelle hängt zudem nicht allein von möglichst großen Datenbeständen ab. Nach Einschätzung der Autoren sind Datenqualität, Exklusivität und die Fähigkeit zur sinnvollen Nutzung häufig wichtiger. Datenschutzfördernde Technologien, sogenannte Privacy-Enhancing Technologies (PETs), und dateneffiziente KI-Verfahren könnten deshalb Datenschutz und Innovation stärker miteinander verbinden.

Rechtssicherheit statt weniger Regeln

Viele praktische Probleme entstehen laut Policy Paper weniger durch die DSGVO selbst als durch unterschiedliche Auslegungen, fehlende Harmonisierung und komplexe Verfahren – insbesondere bei grenzüberschreitenden Projekten.

Friedewald warnt deshalb vor einer künstlichen Gegenüberstellung von Innovation und Datenschutz. Gefordert seien vielmehr „Rechtssicherheit, praxistaugliche Verfahren und eine innovationsfreundliche Umsetzung bestehender Regelungen“.

Damit verschiebt sich die Reformdebatte: Nicht das Schutzniveau steht im Vordergrund, sondern die Frage, wie Regeln klarer, einheitlicher und für Unternehmen leichter umsetzbar werden können.

Datenschutz als Teil der Technologieentwicklung

Die Autoren sprechen sich für ein europäisches Innovationsmodell aus, das Wettbewerbsfähigkeit mit Grundrechten, IT-Sicherheit und digitaler Souveränität verbindet. Datenschutz soll dabei nicht erst nach Abschluss technischer Entwicklungen geprüft, sondern stärker als Designprinzip berücksichtigt werden. Daraus ergeben sich sechs Empfehlungen:

  • Forschungsspielräume konsequent nutzen und gezielt erweitern
  • Datenschutz als Design- und Innovationsprinzip stärken
  • Kleine und mittlere Unternehmen risikobasiert entlasten
  • Datenschutz- und Industriepolitik enger verzahnen
  • Regulierung regelmäßig überprüfen und lernfähig gestalten
  • DSGVO und KI-Verordnung (KI-VO) gegenüber allen Marktteilnehmern wirksam durchsetzen

Insbesondere regulatorische Reallabore könnten helfen, neue Technologien unter kontrollierten Bedingungen zu erproben, ohne Schutzanforderungen auszusetzen.

Europas Wettbewerbsvorteil bleibt offen

Ob hohe Datenschutzstandards tatsächlich zu einem dauerhaften Standortvorteil werden, ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Klar ist jedoch: Ein bloßer Abbau von Datenschutzregeln garantiert ebenfalls keine höhere Innovationskraft.

Friedewald formuliert den europäischen Anspruch entsprechend: „Europa wird im internationalen Wettbewerb nicht erfolgreicher, indem es eigene Werte aufgibt.“ Reformbedarf sieht er vor allem bei einfacheren Verfahren, einer einheitlicheren Auslegung und gezielter Entlastung kleiner und mittlerer Unternehmen.

Damit liegt die eigentliche Herausforderung weniger in der Entscheidung zwischen Regulierung und Innovation. Europa muss Regeln so gestalten, dass Schutz, Rechtssicherheit und technologische Entwicklung gleichzeitig möglich bleiben.

Porträt Dr. Michael Friedewald
Foto: Fraunhofer ISI

Dr. Michael Friedewald, Leiter des Geschäftsfelds Informations- und Kommunikationstechniken am Fraunhofer ISI, Koordinator der Plattform Privatheit

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