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Systemisches Risiko Erschöpfung: Ausgebrannt an der Cyberfront

Stress und Erschöpfung gehören für viele Fachleute der Cybersicherheitsbranche längst zum Alltag. Dabei handelt es sich nicht mehr um ein individuelles Problem, sondern um ein systemisches Risiko, meint unser Autor.

5 Min. Lesezeit
Person mit Burn-out mit Arbeitstasche
Foto: ©AdobeStock/hodim

Die Cybersicherheitsbranche nähert sich einem Wendepunkt, und die Anzeichen lassen sich kaum noch übersehen: Stress, Erschöpfung und der ständige Druck, auf immer neue Bedrohungen reagieren zu müssen, werden für viele Fachleute zur Normalität. Burn-out ist längst nicht mehr nur ein persönliches Problem, sondern ein systemisches Risiko, und der technologische Wandel befeuert diese Entwicklung zusätzlich.

Künstliche Intelligenz verschärft die Lage

Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als beim Einfluss der künstlichen Intelligenz (KI) auf den Arbeitsalltag im Bereich Cybersicherheit. Automatisierung erweitert zwar die Möglichkeiten einzelner Analysten, schafft aber auch eine neue Ebene der Unsicherheit. Berufseinsteiger fürchten, dass KI genau jene Aufgaben verdrängt, die ihnen bislang dabei halfen, grundlegende Erfahrungen zu sammeln. Manche Unternehmen erproben sogar bereits, komplette Entwicklungsfunktionen durch KI zu ersetzen.

Dieser Trend trifft Studierende und Absolventen besonders hart, die ohnehin schon das Gefühl haben, sich schneller und intensiver als je zuvor beweisen zu müssen. Die traditionellen Tier-1-Positionen, die lange als Einstiegspunkt für Analysten dienten, weichen zunehmend automatisierten Workflows. Das lässt weniger Raum für Learning by Doing. Ohne sinnvolle Ausbildungswege steigen Menschen mit hohen Erwartungen in die Cybersicherheit ein, finden aber kaum Gelegenheit, sich in einem nachhaltigen Tempo weiterzuentwickeln.

Burn-out lauert überall

Burn-out tritt auch dort auf, wo man es am wenigsten erwartet. Selbst erfüllende Arbeit bringt Fachleute irgendwann an ihre Grenzen. Viele erleben das gleiche Muster: Engagement verwandelt sich in Erschöpfung, und die Intensität, die einst zu Höchstleistungen antrieb, wird zum Problem.

Entscheidend ist das Umfeld – also die Unternehmenskultur. Negativität verbreitet sich schnell in Teams, die ohnehin überlastet sind. Sind Kollegen erschöpft, überarbeitet oder zynisch, überträgt sich diese emotionale Last auf das gesamte Team. Unternehmenskultur ist in der Cybersicherheit kein weicher Faktor, sondern ein direkter Indikator für Mitarbeiterbindung, Leistung und die Frage, ob Menschen sich eine langfristige Karriere in diesem Bereich vorstellen können.

Eine der schädlichsten Überzeugungen in der Branche ist die Vorstellung, dass echtes Engagement totale Hingabe erfordert. Die Szene belohnt oft diejenigen, die rund um die Uhr online, vernetzt und auf Abruf sind. Diese Denkweise führt geradewegs zum Burn-out. Fachleute benötigen ein Leben und Interessen jenseits von Bedrohungsinformationen, Erkennungstechnik
und Red-Team-Übungen.

Prävention beginnt bei einfachen Gewohnheiten

Hobbys ohne Technikbezug schaffen den nötigen Abstand zum Auftanken. Ob Gartenarbeit, Sport, Kunst oder Schreiben – alles hilft, was den ständigen Kreislauf der digitalen Problemlösung unterbricht. Kurze Spaziergänge zwischendurch mildern die Intensität langer technischer Sitzungen, vor allem an der frischen Luft und bei Tageslicht. Das ist kein Luxus, sondern notwendige Hygiene für Menschen, die in einem Bereich arbeiten, der dauerhafte Aufmerksamkeit und schnelle Entscheidungen erfordert.

Burn-out vorzubeugen und sich davon zu erholen, beruht auf Routinen, die einfach klingen, aber viel bewirken: Meditation, Atemübungen und Erdungsroutinen helfen, die geistige Klarheit zurückzugewinnen. Wer Ablenkungen reduziert, beruhigt den Grundrausch, der häufig Ängste nährt. Regelmäßige Pausen im Freien fördern die Konzentration, technikferne Hobbys laden den Akku wieder auf. Vor allem aber müssen Schlaf und Ernährung Priorität haben: Wer beides vernachlässigt, kann weder klar denken noch effektiv reagieren oder gut führen.

Fazit

Burn-out kündigt sich selten laut an. Es schleicht sich über subtile Anzeichen ein: Rückzug, liegengebliebene Aufgaben, Reizbarkeit oder das Gefühl, dass selbst Routineaufgaben plötzlich überwältigend wirken. Diese Warnsignale sind kein Anlass, noch mehr zu leisten – sondern ein Zeichen, dass sich etwas ändern muss.

Security-Verantwortliche müssen Burn-out genauso behandeln wie Schwachstellen in ihrer Infrastruktur: Man kann es identifizieren, man kann es eindämmen und es richtet erheblichen Schaden an, wenn man es ignoriert. Investieren Unternehmen in eine gesündere Kultur und nachhaltige Arbeitsbelastung, gewinnen sie mehr als bessere Moral – sie gewinnen langfristige Leistungsfähigkeit, Kreativität und stärkere Teams. Angesichts der KI-getriebenen Umbrüche müssen Führungskräfte zudem neue Karrierewege schaffen, die Fachkräften Raum zum Wachsen geben, ohne dass diese fürchten müssen, durch die Technologie ersetzt zu werden, die sie beherrschen sollen.

Eine widerstandsfähige Security-Belegschaft erfordert mehr als fortschrittliche Tools. Sie braucht Umgebungen, in denen Menschen eine sinnvolle Karriere aufbauen können, ohne sich dabei selbst zu verschleißen. Die Zukunft der Branche hängt davon ab.

Porträt Jonathan Reiter

Jonathan Reiter ist Lead Instructor für Offensive Operations beim SANS Institute.

Wenn der Ernstfall krank macht – Psychische Folgen von Ransomware-Angriffen

Burn-out in der Cybersicherheit entsteht nicht nur durch chronische Überlastung. Auch einzelne Sicherheitsvorfälle können massive psychische Schäden hinterlassen. Eine Studie von Northwave Cyber Security, über die die Fachzeitschrift <kes> 2023#5 berichtete, hat untersucht, was Ransomware-Angriffe mit betroffenen Mitarbeitern machen. Das Team um Eileen Walther befragte dafür CERT-Mitarbeiter, Führungskräfte und 315 Beschäftigte betroffener Unternehmen.

Drei Phasen der Belastung Die Ergebnisse zeigen ein Belastungsmuster in drei Phasen. In der ersten Woche arbeiten IT-Teams laut der Studie 12 bis 16 Stunden täglich, auch an den Wochenenden. Der Adrenalinspiegel überdecke zunächst die Erschöpfung, doch die körperlichen Folgen seien bereits messbar: 63 Prozent der direkt Beteiligten berichteten von Schlafstörungen, 44 Prozent von Kopfschmerzen. Zwei von neun befragten IT-Managern mussten Mitarbeiter wegen völliger Erschöpfung nach Hause schicken.

Im ersten Monat lässt laut Northwave das Adrenalin nach, der Druck aber bleibt. Privater Stress kommt hinzu: 48 Prozent der CERT-Mitarbeiter entwickelten Schuldgefühle gegenüber Familie und Freunden. Gleichzeitig wachse der Druck aus dem Kollegenkreis, der nicht verstehe, warum die Wiederherstellung so lange dauere. 60 bis 75 Prozent der Betroffenen berichteten von negativen Gedanken und Unsicherheiten.

Im ersten Jahr kehrt für die meisten Beschäftigten der Normalbetrieb zurück – nicht aber für das IT-Team. Das Mitgefühl der Kollegen lasse spürbar nach, so die Studie. 18 Prozent der direkt Betroffenen erwogen einen Stellenwechsel. Etwa jeder siebte Betroffene zeigte Symptome oberhalb der klinischen Schwelle, ab der professionelle Traumahilfe empfohlen wird.

Gegenmaßnahmen nach Phasen Northwave empfiehlt Führungskräften phasenspezifische Maßnahmen: In der akuten Krise Schichtarbeit und Pausen durchsetzen, im ersten Monat strikt zwischen störfallbezogenen und regulären Aufgaben trennen und langfristig ein offenes Umfeld schaffen, in dem Betroffene über ihre Erfahrungen sprechen können. Jeder fünfte Befragte hätte sich mehr professionelle Hilfe gewünscht. Es gab allerdings auch positive Effekte: 44 Prozent gaben an, dass sich die Zusammenarbeit im Unternehmen nach dem Angriff verbessert habe.

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