Home » News » Security Management » Warum die verschobene Frist bei KI-Sicherheit täuscht

AI Act: Warum die verschobene Frist bei KI-Sicherheit täuscht

Die Hochrisiko-Regeln des AI Act kommen später – zentrale Vorgaben für General Purpose AI gelten jedoch bereits. Seit August kann das europäische AI Office einschreiten. Besonders bei Modellen mit systemischem Risiko wird damit die technische Kontrolle privilegierter Zugriffe zum Compliance-Thema.

2 Min. Lesezeit
Digitale Darstellung eines glühenden Justizhammers
Foto: ©AdobeStock/Helga

Die Verschiebung wichtiger Fristen des europäischen Artificial Intelligence Act (AI Act) kann einen falschen Eindruck vermitteln. Zwar sollen die Regeln für eigenständige Hochrisiko-KI-Systeme erst ab Dezember 2027 greifen. Für General Purpose AI (GPAI) hat die Durchsetzung jedoch bereits am 2. August 2026 begonnen. Das europäische AI Office kann Informationen und Dokumentationen verlangen, Zugriff auf Modelle für Evaluierungen fordern und Gegenmaßnahmen bis hin zum Rückruf eines Modells anordnen. Bei Verstößen drohen bis zu 15 Millionen Euro oder drei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Compliance reicht bis zu den Zugangsdaten

Besonders technisch wird der freiwillige GPAI Code of Practice. Anbieter können ihn nutzen, um die Einhaltung ihrer gesetzlichen Pflichten nachzuweisen. Das Kapitel Safety and Security richtet sich an Anbieter besonders leistungsfähiger GPAI-Modelle mit systemischem Risiko und beschreibt konkrete Maßnahmen zur Beherrschung dieser Risiken.

Dabei geht es nicht nur um Richtlinien und Dokumentation. Geschützt werden müssen unter anderem Modellgewichte und die dafür benötigte Infrastruktur. Zugriffe durch Mitarbeiter, Dienste und automatisierte Prozesse müssen kontrolliert und Insider-Risiken begrenzt werden. Damit wird Identity and Access Management (IAM) unmittelbar zum Bestandteil der KI-Compliance.

Maschinenidentitäten wachsen mit der KI

Das Problem verschärft sich durch Non-Human Identities (NHI). Trainingscluster, Fine-Tuning-Pipelines, Anwendungen und Inference-Endpunkte benötigen Service Accounts, Schlüssel, Tokens oder andere maschinelle Zugangsdaten. Eine Keeper-Security-Studie von 2026 nennt das Management solcher nicht-menschlichen Identitäten für 35 Prozent der befragten deutschen Unternehmen als eine der größten Sicherheitslücken beim KI-Einsatz.

Je stärker Unternehmen KI automatisieren, desto schneller entstehen solche Identitäten. Werden Berechtigungen dauerhaft vergeben oder Zugangsdaten unkontrolliert in Konfigurationsdateien, Pipelines und Entwicklungsumgebungen verteilt, wächst die Zahl potenzieller Zugänge zu kritischen KI-Ressourcen.

Vom Secret-Tresor bis zum Sitzungsprotokoll

Für besonders schützenswerte KI-Infrastrukturen ergeben sich daraus konkrete technische Maßnahmen:

  • Zugangsdaten für Trainings- und Modellumgebungen zentral und geschützt verwahren
  • dauerhafte privilegierte Rechte durch zeitlich begrenzte Just-in-Time-Zugriffe ersetzen
  • Zugriffe auf Modellgewichte nach Least Privilege beschränken
  • privilegierte Sitzungen vollständig und revisionssicher protokollieren

Damit lässt sich später nicht nur nachweisen, wer Zugriff haben durfte, sondern auch, wer tatsächlich wann auf kritische Modellressourcen zugegriffen hat.

Die Fristverschiebung für Hochrisikosysteme verschafft Unternehmen Zeit bei Klassifizierung und Konformitätsverfahren. Sie verschiebt jedoch nicht die bereits geltenden GPAI-Regeln. Wer seine KI-Sicherheitsarchitektur erst 2027 auf den Prüfstand stellt, könnte deshalb bei Modellen mit systemischem Risiko bereits heute bestehende Anforderungen übersehen.

Porträt Shane Barney
Foto: Keeper Security

Shane Barney, CISO bei Keeper Security

Newsletter Abonnieren

Abonnieren Sie jetzt IT-SICHERHEIT News und erhalten Sie alle 14 Tage aktuelle News, Fachbeiträge, exklusive Einladungen zu kostenlosen Webinaren und hilfreiche Downloads.

Andere interessante News

Quantenwürfel in Bedrohungslage

Das Quantenrisiko ist bereits da

Leistungsfähige Quantencomputer bleiben noch in weiten Teilen Zukunftstechnologie. Für Unternehmen beginnt das Sicherheitsproblem dennoch heute: Angreifer können verschlüsselte Dat...

Frau analysiert Dashboard

Wann sich KI wirklich rechnet

KI-Projekte versprechen schnellere Prozesse, geringere Kosten und weniger Routinearbeit. Ob daraus jedoch ein wirtschaftlicher Nutzen entsteht, entscheidet sich lange vor der techn...

Roboterhand tippt auf Laptoptastatur. Darauf ist ein Shop-Symbol zu sehen.

Unternehmenswissen wird zur Verkaufsfläche

KI-Agenten verändern den Onlinehandel grundlegend: Sie suchen Produkte, vergleichen Angebote und könnten künftig auch den Kauf übernehmen. Für Händler zählt dann nicht mehr nur, we...