Datenschutz als Innovationskiller?: Wie Unternehmen in Deutschland durch die DS-GVO scheitern
Digitalisierung braucht Daten – doch der Datenschutz bremst. Sieben Jahre nach Inkrafttreten der Datenschutz-Grundverordnung klagen immer mehr Unternehmen darüber, dass ausgerechnet die Regulierung zur Hürde für Fortschritt wird. Besonders kleinere Betriebe verzichten aus Unsicherheit zunehmend auf digitale Innovationen. Die Folge: Deutschland droht bei Schlüsseltechnologien wie Künstlicher Intelligenz den Anschluss zu verlieren.

Laut einer aktuellen Bitkom-Studie haben 70 Prozent der Unternehmen in Deutschland mindestens einmal ein Innovationsprojekt wegen Datenschutzvorgaben oder -unsicherheiten aufgegeben. Bei 35 Prozent war dies sogar mehrfach der Fall, 18 Prozent berichten von regelmäßigen Projektabbrüchen. Der Trend ist steigend: Noch vor einem Jahr lag die Gesamtquote bei 61 Prozent.
Besonders betroffen sind datengetriebene Vorhaben, etwa in den Bereichen künstliche Intelligenz, Plattformtechnologie oder vernetzte Services. Der hohe Dokumentations- und Prüfaufwand – etwa durch Verzeichnisse von Verarbeitungstätigkeiten oder Datenschutz-Folgenabschätzungen – bindet Ressourcen, die Unternehmen lieber in Produktentwicklung oder Nutzerfreundlichkeit investieren würden.
Verunsicherung durch Flickenteppich aus Behörden und Auslegungen
Ein zentrales Problem liegt laut Bitkom in der Uneinheitlichkeit der Datenschutzaufsicht. Die Vielzahl an Landesbehörden mit teils unterschiedlicher Auslegung der Regeln sorgt für massive Rechtsunsicherheit – insbesondere bei mittelständischen Unternehmen ohne eigene Rechtsabteilungen.
„Der Datenschutz hat sich zur Digitalisierungsbremse Nummer eins entwickelt“, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. „Nicht weil das Ziel falsch wäre, sondern weil die Umsetzung in der Praxis zu komplex, zu bürokratisch und zu wenig innovationsfreundlich ist.“
Zwar plant die Europäische Kommission kleinere Entlastungen, etwa bei der Pflicht zur Führung von Verzeichnissen der Verarbeitungstätigkeiten. Doch nach Ansicht vieler Experten greifen diese Reformvorschläge zu kurz. Sie fordern stattdessen eine grundlegende Überarbeitung der DS-GVO – mit stärkerem Fokus auf technologische Realität, Verhältnismäßigkeit und praktikable Regeln.
Vor allem in der Wechselwirkung mit anderen Regelwerken – wie dem AI Act oder dem Data Act – entstehen heute vielfach redundante Berichtspflichten, die gerade kleinere Firmen überfordern. Es droht eine Innovationslücke aus Bürokratie, Überregulierung und Angst vor Sanktionen.
Ein Datenschutz, der Innovation mitdenkt
Bitkom fordert deshalb ein neues Datenschutzverständnis: Eines, das zwischen besonders schützenswerten und weniger kritischen Daten unterscheidet. Eines, das Risiken realistisch bewertet und den möglichen gesellschaftlichen Nutzen der Datennutzung mit in die Abwägung einbezieht.
Die im Koalitionsvertrag vorgesehene Bündelung der Aufsicht beim Bundesdatenschutzbeauftragten sieht Bitkom als Chance für eine einheitlichere und praxisnähere Anwendung der DS-GVO. Nur mit klaren, verständlichen und innovationsfreundlichen Regeln kann Europa im globalen Wettbewerb um technologische Spitzenpositionen bestehen.
Datenschutz braucht ein Update
Datenschutz bleibt wichtig – aber er darf nicht zum Fortschrittsverhinderer werden. Unternehmen brauchen Rechtssicherheit, technische Offenheit und praktikable Regeln, um die digitale Transformation aktiv zu gestalten. Sieben Jahre nach Einführung der DS-GVO ist es Zeit, den Spagat zwischen Schutz und Innovation neu zu justieren. Denn wer Innovation aus Angst verhindert, gefährdet am Ende auch die digitale Souveränität.
Grundlage der Angaben ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat. Dabei wurden von KW 10 bis KW 16 2025 mehr als 600 Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland telefonisch befragt. Die Umfrage ist repräsentativ.

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